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Hässlich ist nur das Leben

Man kann sagen, dass diese Geschichte etwas merkwürdig ist, die Protagonisten oder die Tatsache, dass sich eine Greenwich-Village-Fotografin und ein Bestattungsunternehmer aus Harlem gleichermaßen Künstler nennen. Doch sie spielt in Amerika und dort ist das, worüber man sich in Deutschland wundert, oft nur die halbe Aufregung wert.

Fangen wir an mit Isaiah Owens. Er ist 54 Jahre alt und seit 30 Jahren Bestattungsunternehmer in Harlem. Owens ist von der Sorte Mensch, die jeden kennt, und mit Handschlag und Namen begrüßt. Nicht nur, weil er ein Beerdigungsunternehmen hat, sondern auch, weil er ein baptistischer Pfarrer ist. Owens kennt seine Gemeinde, die Einwohner des Viertels, und wenn einer von ihnen stirbt, dann geht zwar einer weniger in den Gottesdienst, aber einer mehr ab in das Owenssche Bestattungsunternehmen. Ein Pfarrer mit wirtschaftlichem Geist.

In Harlem schätzt man Isaiah Owens. Und wenn ein lieber Angehöriger stirbt, dann geht man zu ihm. An seinem Laden in der Lenox Avenue hat der Pfarrer ein Schild angebracht: „Where Beauty softens your Grief" – „hier lindert Schönheit Ihre Trauer". In Amerika, wo man nicht alt und faltig werden darf, muss man sich eben auch darum kümmern, schön auszusehen, wenn man stirbt. Denn nichts sei hässlicher als der Tod. Sagt Owens. Er muss es wissen, hat er doch schon zig Tote gesehen.

Würde man an dieser Stelle der Geschichte fortfahren, müsste man unweigerlich den Kopf schütteln, so absurd ist der Blick in Owens Vergangenheit. Sehen wir also erst mal in die Gegenwart, zu Elizabeth Heyert, einer amerikanischen Fotografin.

Elizabeth Heyert ist ebenfalls 54. Hier hören die Gemeinsamkeiten der beiden aber zunächst auf. Heyert ist groß, schlank, attraktiv und durchaus kein unbekannter Name in Amerika. In London studierte sie am Royal College of Art, und das New Yorker Metropolitan Museum of Art hat ihre Fotoserie „American Families" immerhin für so bedeutend befunden, dass es sie in die ständige Sammlung des Museums aufnahm. Heyert lebt in Greenwich Village, und eines ihrer aktuelleren Projekte war es, nackte Schlafende zu fotografieren. Es erfordert Vertrauen und Geduld und vielleicht auch ein gewisses Maß an Voyeurismus, wenn man die zweitintimsten Momente eines Menschen durch die Linse beobachtet und auf den Auslöser drückt. Man möchte meinen, das sind schöne Momente, Momente von Geborgenheit. Aber Heyert sagt, dass von den Schlafenden etwas Unheimliches, Düsteres ausgehe. „Dunkle Emotionen". Man kann das nachsehen, in einem ihrer Fotobände mit dem Titel „Sleepers" – „Schlafende".

Aber um die Schlafenden geht es hier nicht, sondern um die Toten.

Manchmal ist man sich ja nicht sicher, ob jemand schläft oder tot ist. Man weiß, ja, rational, das kann nicht sein, dass der, um den es geht, tot ist. Weil er jung ist, zum Beispiel, und sich vor Gesundheit strotzend ins Bett legte. Aber dann kommt die Nacht, und auf einmal ist man sich nicht sicher, ob das Kraftbündel, das eben noch neben einem lag und schnarchte, nicht plötzlich einem Herzinfarkt erlag. Dann beobachtet man, ob sich der Brustkorb hebt. Oder man tippt mit dem Finger auf die Nase – im besten Fall runzelt er sie dann unbewusst. Dann ist man glücklich, nicht nur, weil er sich im Schlaf bewegt hat.

Manchmal hält man Schlafende also für Tote. Es gibt aber auch Tote, die hält man für Lebende, und dazu gehören die Toten, die in Isaiah Owens Beerdigungsunternehmen auf ganz amerikanische Art sozusagen unsterblich gemacht werden.

Daphne Jones zum Beispiel sieht aus, als ob sie nur kurz die Augen geschlossen hätte, um nachzudenken. Sie lächelt, trägt ein elegantes Kleid, weiße Handschuhe, hat blauen Lidschatten. Schläft sie? Nein, sie ist mit 49 Jahren gestorben und liegt in einem Sarg in Owens Bestattungsunternehmen. Oder James Patterson, der das Trikot der Los Angeles Lakers trägt und aussieht, als ob er in einer halben Stunde zu einem Basketball-Spiel aufbreche. Ein Nickerchen? Nein, tot. Owens kennt die Verstorbenen. Er weiß von den Geschichten, die sich um ihr Leben ranken. Und versucht die Toten möglichst charakteristisch aussehen zu lassen, noch besser als zu Lebzeiten.

Nun ist die Tradition des festlichen Aufbahrens eines Leichnams nichts Ungewöhnliches – und dann aber wieder doch. Denn obwohl das Zelebrieren des Todes ein Beerdigungsritual ist, das in manchen Gegenden schon mal eine Woche lang dauern kann – jedenfalls war das noch so, als derjenige, der diese Bemerkung einmal fallen ließ, noch jung war (es ist ein Amerikanistik-Professor, der in seiner Jugend in einem katholischen Dorf ausharren musste), ist es heute unter der weißen Bevölkerung in Amerika nicht mehr so verbreitet. Die nämlich hat die Beerdigung an Profis delegiert, die alles in Fließbandgeschwindigkeit abwickeln. Unter der afro-amerikanischen Bevölkerung aber hat sich die Modernisierung der Bestattungskultur nicht wirklich durchgesetzt, und so existieren in Vierteln wie Harlem noch Riten der Leichenkosmetik und des festlichen Bekleidens des Leichnams.

Owens jedenfalls macht seine Sache so gut, dass er in seiner Gegend als der beste Leichenkosmetiker gilt. Und weil er behauptet, in seiner Jugend ausgefallene Dinge getan, zum Beispiel Frösche getötet zu haben, um sie anschließend zu beerdigen, haben die amerikanischen Medien Stoff für eine Story gesehen – Wahrheitsgehalt oder wirtschaftlicher Unternehmergeist hin oder her. Hier wäre nun die Stelle für weitere Ausführungen darüber, was Owens in seiner Jugend noch unternahm, um dem Tod ins Auge zu blicken. Doch die Details sind merkwürdig und makaber dazu. Immer aber haben sie mit Beerdigungen zu tun (auch der des Nachbarhundes und des eigenen Maultieres).

Bei Owens Popularität führen nun auch die Spuren des Baptistenpfarrers und der Fotografin Elizabeth Heyert zusammen. Heyert nämlich las von Owens Kunst und fragte sich: „Wie würde es wirken, wenn man die geschmückten Körper der Verstorbenen aus dem Kontext der Beerdigung lösen würde? Kann man ein Porträt von einem Menschen machen, von dem nur noch die Hülle übrig ist? Von einem Menschen ohne Seele?"

Es dauerte nicht lange, und Heyert zwängte sich mit ihrer Kameraausrüstung in das winzige Bestattungszimmer von Owens, um dieser Frage mit dem Einverständnis der Hinterbliebenen nachzugehen. Ganz anders hatte sich Heyert den Tod vorgestellt, furchteinflößender, so wie all die Horrorbilder von gewaltvollem Sterben, die täglich über die Bildschirme flimmern. Doch die Fotografien erzählen eine andere Geschichte. „Es ist erstaunlich, welche Ruhe und Menschlichkeit von den Toten ausgeht", sagt Heyert. „Ich möchte dem Betrachter mit meinen Fotos die Angst nehmen." Die Bilder haben überhaupt nichts Lautes oder gar Reißerisches an sich, und auch nichts zu tun mit der Selbstinszenierung eines Gunther von Hagens und dessen Körperwelten. Sie zeigen eine moderne Variante der Post-Mortem-Fotografie, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht und als Andenken an die Verstorbenen einst privaten Zwecken diente. Heyert nennt ihr Projekt „Travelers", weil viele Menschen auf ihren Fotos ihre Wurzeln in den Südstaaten haben und aus Georgia, Carolina, Mississippi oder Virgina nach Harlem kamen.

Doch trotz der Einfühlsamkeit der Fotografin und ihrem respektvollen Umgang mit der Vergangenheit haben die Fotos etwas sehr Amerikanisches an sich. Der Wert der Kunst, sagt Heyert, liegt mitunter darin, den Betrachter dazu zu bewegen, sich mit den eigenen Emotionen auseinander zu setzen. Den Tod nicht als bedrohlich zu erleben, ihn vielleicht sogar als schön zu empfinden, mag dabei eine neue Gedankenwelt öffnen. Im Kontext von Schönheitswahn und Körperperfektionismus wirkt er aber wie eine Fortsetzung des American Way of Life: Alles muss ein glückliches Ende nehmen. Das erscheint am Ende fast am merkwürdigsten.

Fotografien von Elizabeth Heyert sind von 1. Dezember 2005 bis 28. Februar 2006 in der Gruppenausstellung „New Art – New York. Reflections on the Human Condition" in Traun in Österreich zu sehen (Trierenberg AG). Im Januar erscheint ihr Fotoband „The Travelers" bei Scalo Books, Zürich.

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